Die Spieler in der Einzelkritik: DFB-Team tobt und tanzt in den Urlaub

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Sie lassen nicht locker, fegen Estland aus dem Stadion und stehen in der EM-Qualifikation gut da: Es läuft beim DFB-Team, auch ohne Joachim Löw. Niklas Süle gibt den Chef, Joshua Kimmich das Chefchen, Leroy Sané zaubert – und einer schießt das schönste Tor seiner Karriere.

Das war schon ein kleines Fußballfest, das die deutsche Nationalmannschaft da in Mainz gefeiert hat. Vor 26.050 Zuschauern im ausverkauften Stadion vermittelte sie am Dienstagabend Spaß am Spiel, besiegte einen überforderten Gegner aus Estland mit 8:0 (5:0) und freute sich über den dritten Sieg im dritten Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2020. Marcus Sorg, der den sportverletzten Joachim Löw wie beim 2:0 (1:0) am vergangenen Samstag Weißrussland erfolgreich vertrat, fasste das launige Geschehen so zusammen: „Das hätte nicht viel besser laufen können. Die Begeisterung der Mannschaft war ausschlaggebend. Wir wollten die Zuschauer begeistern, das ist uns gelungen.“

Seine Spieler ließen nicht locker, tobten sich aus, tänzerisch bisweilen, stets mit Tempo. Das kam beim Publikum gut an. Marco Reus hatte nach zehn Minuten den Anfang gemacht und war auch für das 5:0 in der 37. Minute verantwortlich. Serge Gnabry traf ebenfalls doppelt, zum 2:0 (17.) und zum 6:0 (62.). Je einmal vollendeten Leon Goretzka zum 3:0 (20.), Ilkay Gündogan per Foulelfmeter zum 4:0 (26.), der eingewechselte Timo Werner zum 7:0 (79.) und Leroy Sané zum 8:0 (88.). „Ich bin sicher, der Jogi wird zufrieden sein“, konstatierte Sorg. Das wird er wohl. Dann mal ab in den Urlaub. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik: 

Manuel Neuer: Während sein zehn Jahre jüngerer Kollege Serge Gnabry vor dem Spiel bekannte, wie urlaubsreif er doch sei, könnte für den 33 Jahre alten Torhüter des FC Bayern die Saison mutmaßlich ruhig noch weitergehen. Im Pokalfinale sicherte er dem FC Bayern München den Sieg gegen Rasenballsport Leipzig, beim Sieg im EM-Qualifikationsspiel in Borissow gegen Weißrussland dribbelte er nach einer halben Stunde an der Eckfahne einen Gegenspieler so schwindelig, dass der beinahe das Gleichgewicht verlor. Und er, also Neuer, verhinderte mit einem Reflex ein Gegentor.

Insgesamt verdichtet sich der Eindruck, dass Neuer jetzt, da es vorbei ist, so gut spielt wie sehr lange nicht mehr. In seinem 88. Länderspiel aber hatte er schlichtweg keine Gelegenheit zu zeigen, dass das auch wirklich so ist. Kurz vor der Pause durfte er einen Freistoß des Esten Konstantin Vassiljev halten, in der 56. Minute einen Schuss von Sergej Zenjov, das war’s. Das Fazit des Kapitäns: „Wir können stolz sein auf das, was wir in den beiden letzten Länderspielen gezeigt haben. Wichtig war das frühe Tor, und dann hat man gesehen, dass der Gegner nicht so stark war.“ Sein Plan: „Wir wollen weiter viel arbeiten und lernen, um im Sommer 2020 eine gute Mannschaft auf den Platz zu bringen.“ 

Thilo Kehrer: In Weißrussland saß er noch auf der Bank, jetzt durfte der 22 Jahre alte Verteidiger von Paris Saint-Germain in seinem siebten Länderspiel am rechten Ende der Viererkette ran. Und weil es gegen überforderte Esten nicht viel zu verteidigen gab, durfte er auf seiner Seite nach vorne stürmen und als Rechtsaußen fleißig mitkombinieren, dass es eine Freude war. Führte sich gleich gut ein, indem er nach zehn Minuten ebenso fix wie direkt einem Zuspiel des Kollegen Gündogan eine Flanke folgen ließ, die der Kollege Marco Reus zum ersten Tor dieses unterhaltsamen Abends verwertete. Das dürfte auch „dem Jogi“ zu Hause in Freiburg vor dem Fernseher gefallen haben.

Matthias Ginter: Der 25 Jahre alte Mönchengladbacher ist ja neben Neuer und Julian Draxler einer von nur noch drei Weltmeistern von 2014 im Kader der DFB-Elf. Und er scheint seinen Platz gefunden zu haben, ob im 3-4-3-System wie in den beiden Qualifikationssiegen beim 3:2 in den Niederlanden Ende März und beim 2:0 in Weißrussland am rechten Ende der Dreierabwehrkette oder nun im 4-3-3 in Mainz an der Seite von Niklas Süle in der Innenverteidigung. In seinem 26. Länderspiel gewann er in der Defensive jedes Kopfballduell und zeigte wie schon in Borissow, dass er auch im Aufbauspiel dazugelernt hat, auch wenn nicht alle seine Pässe ankamen. Insgesamt war das mehr als solide.

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Abwehrhüne mit faszinierender Seelenruhe: Niklas Süle.

Niklas Süle: Der Abwehrchef der DFB-Elf in der Nach-Mats-Hummels-und-Jérôme-Boateng-Zeit hat sich den Ruf erworben, alle entscheidenden Zweikämpfe zu gewinnen. Gegen die Esten hatte der 23 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern bei seinem 20. Einsatz für die Nationalmannschaft leichtes Spiel. Wenn es etwas zu klären gab, dann klärte er es in aller Seelenruhe. Estlands einsamer Angreifer Zenjov dürfte diesen Abend in wenig guter Erinnerung behalten. Das hat er allerdings in seinem Team nicht exklusiv. Süle ist in der deutschen Abwehr der Mann der Gegenwart und der Zukunft zugleich. Seine enorme Präsenz mit seinen 1,95 Metern Körpergröße, seine Abgeklärtheit am Ball und im Passspiel, seine Stärke im Zweikampf und seine Schnelligkeit machen ihn erst einmal unverzichtbar – nicht nur gegen Estland. Wobei: Hätte er in Mainz gefehlt, die DFB-Elf hätte trotzdem gewonnen. 

Nico Schulz: Während sein Pendant Kehrer auf der anderen Seite die Vorlage zum 1:0 gab, konnte der 26 Jahre alte Noch-Hoffenheimer und Bald-Dortmunder sich in seinem achten Länderspiel nicht als Flankengott empfehlen, zu oft flog der Ball ins Nichts. Schon am Samstag hatte er sich etwas schwergetan, den Offensivdrang seines Teams über die linke Seite zu beflügeln. Allerdings fiel das dieses Mal nicht sonderlich ins Gewicht. Dafür reüssierte er aber als unermüdlicher Dauerrenner und wird auch in Zukunft dabei sein. Für den Kölner Jonas Hector ist das eine schlechte Nachricht. Zur Pause war Schluss, ab der 46. Minute übernahm der 27 Jahre alte Leipziger Marcel Halstenberg seinen Part. In seinem dritten Länderspiel lieferte er prompt nach einer guten Stunde die Vorlage zum 6:0 von Serge Gnabry und war ansonsten ähnlich offensiv wie Schulz.

Leon Goretzka: Da Sorg in Mainz anders als in Weißrussland mit einer Viererkette spielen ließ, war ein Platz im Dreiermittelfeld neben Joshua Kimmich und Gündogan frei. Und diesen Platz dem 24 Jahre alten Münchner zu geben, war eine gute Idee. In seinem 23. Länderspiel erzielte Goretzka nicht nur mit einem netten Kopfball nach 20 Minuten das 3:0 und damit sein achtes Tor für die DFB-Elf. Er holte nicht nur sechs Minuten später den Foulelfmeter heraus, den Gündogan zum 4:0 verwandelte. Nein, er drehte im letzten Spiel der Saison richtig auf, stieß oft mit der ihm eigenen Dynamik nach vorne in den Angriff und hatte sichtlich Spaß: „Wir haben schon im Training gesehen, dass wir uns immer besser aufeinander abstimmen. Gerade dann, wenn es eng wird, es ist es vonnöten, schnelle, kurze Pässe zu spielen. Das ist gut gelungen.“ Aber: „Es gibt immer noch Dinge, die besser laufen können. Es kommen andere Gegner und andere Aufgaben.“ Auch wieder wahr.

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Chefchen und Vollstrecker: Joshua Kimmich und Leon Goretzka.

Joshua Kimmich: Klar, fehlerlos spielt der Münchner nicht, ist aber mit seinen 24 Jahren und seiner unbändigen Energie zumindest so etwas wie das Chefchen im Mittelfeldzentrum. Zumal, wenn Toni Kroos fehlt. Das zeigte Kimmich, der beim FC Bayern ja immer noch den rechten Außenverteidiger gibt, auch in seinem 42. Länderspiel, in dem er sich mit Gündogan für den Spielaufbau verantwortlich zeigte. Das Tor von Goretzka zum 3:0 bereitete er mit sanfter Flanke vor, vor dem 4:0 schickte er ihn so mit dem Ball in den Strafraum des Gegners, dass er, Goretzka, gefoult wurde und der türkische Schiedsrichter Ali Palabiyik auf Elfmeter entschied. Hinterher sagte der Mann, der als einziger in allen zehn Saisonspielen der DFB-Elf über 90 Minuten dabei war: „Das hat sehr viel Spaß gemacht. Klar, der Gegner war nicht top. Aber gerade in der ersten Halbzeit haben wir es super gemacht. Die Leute haben gemerkt, dass wir Bock auf Fußball haben. Alle hatten Spaß, bis auf den Gegner. Man sieht, dass wir eine sehr große Qualität haben. Es ist egal, was von der Bank noch kommt, da ist sehr viel Qualität dabei. Man kann wechseln, um das Spiel noch zu verändern, es zu entscheiden.“ 

Ilkay Gündogan: Gab schon in Borissow den Ersatz für Toni Kroos im zentralen Mittelfeld und zeigte, was für ein guter Fußballer er ist. Im 33. Länderspiel gelang dem 28 Jahre alten Feinmechaniker von Manchester City das noch etwas besser, was auch, aber nicht nur an der Schwäche des Gegners lag. Mit einem traumhaften Pass auf Kehrer leitete er nach zehn Minuten das erste Tor ein, auch beim 2:0 von Gnabry (17.) kam der vorletzte Pass, ein Lupfer auf Sané, von ihm. Und sein sehr sicher verwandelter Foulelfmeter zum 4:0 (26.) war sein fünftes Tor für die Nationalelf. Ob Kroos das zu Hause in Madrid gesehen hat? Nach 53. Minuten durfte einer der besten deutschen Spieler raus, mit viel Applaus. Für ihn kam der 25 Jahre alte Julian Draxler von Paris Saint-Germain und somit zu seinem immerhin 51. Länderspiel. Er darf sich zuguteschreiben, mit seinem öffnenden Pass auf den ebenfalls eingewechselten Halstenberg nach einer guten Stunde das 6:0 von Gnabry eingeleitet zu haben. Das 7:0 (79.) des Kollegen Werner breitete er direkt vor. Sein Resümee: „Wir haben jetzt frischen Wind in der Mannschaft. Vorher war auch nicht alles schlecht, wir hatten auch viele schöne Jahre, deswegen geht mir das manchmal ein bisschen zu schnell.“ Aber: „Jetzt sieht man, dass die Jungs hungrig sind. Die wollen sich zeigen, wollen mit aller Macht in die Mannschaft.“

Serge Gnabry: Nach einem eher mittelmäßigen Spiel am Samstag in Borissow war der 23 Jahre alte Angreifer des FC Bayern in seinem achten Länderspiel in seiner Spielfreude so gut wie nicht zu stoppen, tauschte mit Sané immer wieder die Seiten und stockte in Manier eines Mittelstürmers aus jeweils kurzer Distanz sein Torkonto im Trikot des DFB von fünf auf sieben auf. Dabei hatte er vor der Partie noch bekundet, wie urlaubsreif er sei. Respekt. Das liegt wohl daran, dass er sich in der Nationalelf so wohl fühlt. „Ich kenne hier sehr viele Spieler, mit denen ich schon in der Jugend zusammengespielt habe – als wäre man in der U21. Wir sind alle noch relativ jung und sehr vertraut miteinander“, hatte er vor dem Spiel gesagt. „Bei den Weltmeistern war es 2014 genau so, dass sich alle gut verstanden haben. Hoffentlich könnte es sich so wiederholen.“ Wir sind ernsthaft gespannt.

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„Das könnte mein schönstes Länderspieltor meiner Karriere sein“: Marco Reus erzirkelte sehenswert das 5:0.

Marco Reus: Vor ziemlich genau fünf Jahren, am 6. Juni 2014, verletzte er sich in Mainz beim 6:1 im Testspiel gegen Armenien so schwer am Sprunglenk, dass er die WM in Brasilien verpasste und zusehen musste, wie die Kollegen den Titel gewannen. Mittlerweile ist der Offensivspieler der Dortmunder Borussia 30 Jahre alt und sagte nach seinem 41. Länderspiel bei den Kollegen von RTL: „Wenn ich es so sehe: Das könnte mein schönstes Länderspieltor meiner Karriere sein.“ Gemeint war nicht sein 1:0 (10.), als Reus nach dem Pass von Kehrer den Ball über die Linie drückte, sondern sein Freistoß zum 5:0 acht Minuten vor der Pause. Sein Schuss aus gut und gerne 20 Metern ins von ihm aus gesehen rechte Eck war wirklich nicht schlecht und Estlands guter Torhüter Sergej Lepmets machtlos. Es waren seine Tore Nummer 12 und 13 für die Nationalmannschaft. Nummer 14 war auch noch drin, doch der Ball klatschte nach seinem Schuss in der 30. Minute an die Latte. „Wir hatten uns viele Tore vorgenommen. Doch diese Gegner sind für uns nicht der Gradmesser. Wir bleiben realistisch und wollen gegen Holland ähnlich gut sein.“ Der Mann blickt voraus: Am 6. September steht in Hamburg das Qualifikationsspiel gegen die Niederlande an und am 9. September geht es dann in Belfast gegen Nordirland. Für seinen famosen Auftritt bedachte ihn das Publikum bei seiner Auswechslung in der 65. Minute mit Stehbeifall. Für ihn durfte dann doch noch Timo Werner ran. Und der 23 Jahre alte Leipziger mit mutmaßlichem Hang zum FC Bayern schoss in seinem 25. Länderspiel prompt 14 Minuten später mit einem schönen Lupfer sein zehntes Tor.

Leroy Sané: Er kann es einfach. Sein Treffer zum 8:0 in der 88. Minute war sein fünftes Tor in den jüngsten sechs Partien für die DFB-Elf. Aber mit Zahlen alleine ist der 23 Jahre alte Dribbelkünstler von Manchester City nicht zu beschreiben. In seinem 21. Länderspiel war er mindestens ebenso torgefährlich wie Reus, nur fanden seine Treffer in der 68. und 81. Minute beim Schiedsrichter keine Anerkennung. Doch beeindruckender aber ist, was er am Ball alles kann und dass er sich so unfassbar viel zutraut. Auch das dürfte „dem Jogi“ gefallen haben. Der Bundestrainer versucht ja seit geraumer Zeit, die Nicht-Nominierung Sanés für die unselige Weltmeisterschaft in Russland im Sommer vergangenen Jahres in eine erzieherische Maßnahme umzudeuten, die jetzt ihre Früchte trägt. Doch mit jeden überzeugenden Auftritt dieses Ausnahmespielers hat Löw diese Lesart ein wenig mehr exklusiv. Es war schon ein kleines Fußballfest, das Sané da in Mainz veranstaltete.

Quelle: n-tv.de/Stefan Giannakoulis

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